„Ahmadinedschad ist nicht unser Präsident“ Amnesty Journal Oktober 2009

Die iranische Künstlerin Parastou ­Forouhar hat in ihrer Jugend den Sturz des Schahs mit­erlebt. Viele Aspekte der gegenwärtigen Protestbewegung erinnern sie an diese Zeit. Doch in ihre Hoffnung auf Veränderung mischen sich auch Sorgen.

Parastou Forouhar ist eine der bekanntesten iranischen Künstlerinnen: 1962 im Iran geboren, studierte sie zunächst Kunst in Teheran. Seit 1991 lebt sie in Frankfurt am Main. Sie hat an zahlreichen internationalen Ausstellungen teilgenommen, ihre Themen sind immer wieder die Situation der Frauen und die Menschenrechte in ihrer Heimat. Am 21. November 1998 fielen ihre Eltern, Dariush und Parwaneh Forouhar, beide oppositionelle Politiker, in ihrem Haus in Teheran einem vom iranischen Geheimdienst initiierten Auftragsmord zum Opfer.

Wann besuchten Sie das letzte Mal den Iran?
Zuletzt im November und Dezember 2008, zum zehnten Jahrestag der Ermordung meiner Eltern. An diesem Datum bin ich immer dort.

Was hat sich in den vergangenen zehn Jahren verändert?
Nach dem Mord an meinen Eltern und den Anschlägen auf Intellektuelle war die Empörung groß. Aber die Proteste erreichten damals bei weitem nicht das Ausmaß von heute. Vor allem die Spaltung in unterschiedliche Lager ist sehr stark – in diejenigen, die ihr Recht auf Selbstbestimmung einfordern und die anderen, die dieses Recht nicht anerkennen wollen. So extrem wie heute gab es diese Spaltung vor zehn Jahren nicht, und selbst vor ein paar Monaten, vor den Wahlen, war es noch nicht so.

Bei den Massenprotesten wurden Slogans benutzt wie „Tod dem Diktator“ aus der Zeit, als der Schah gestürzt wurde. Hat Sie das überrascht?
Der gesamte Aufstand hat mich immer wieder positiv überrascht. Und nicht nur ich, sondern die ganze Welt war überrascht von so viel Mut, Energie, Elan und Charme einer Gesellschaft, die plötzlich sichtbar wurde.
Überrascht hat mich auch der Umstand, dass die Revolution weiterhin identitätsstiftend ist. Dabei hat diese Revolution, oder vielmehr das Regime, das sie hervorgebracht hat, so viele Wunden hinterlassen. Ich dachte immer, dass die Menschen damit nichts mehr zu tun haben wollen. Doch jetzt sind die Parolen der Revolution identitätsstiftend, auch für eine Generation, die diese Zeit selbst nicht mehr erlebt hat, und das finde ich sehr gut. Denn eine Gesellschaft, die jahrzehntelang unter einer Diktatur lebt, kann Erinnerung nicht bewahren und die Kontinuität der Geschichte nicht greifbar machen, weil die Diktatur dies nicht zulässt. Aber jetzt sehen wir, dass man auf den Elementen der Revolution beharrt, die noch Kräfte freisetzen können. Man versucht, sie positiv einzusetzen, und das finde ich großartig.

Welche Bedeutung hat die Farbe Grün im Iran?
Grün ist nicht nur die Farbe des Islam. Grün hat zahlreiche Bedeutungen, sie ist auch die Farbe der Hoffnung, die Farbe des Frühlings oder die Farbe des Wachstums. Es gibt inzwischen viele Gedichte, nicht nur aus dem Iran, sondern auch aus dem Ausland, die auf die verschiedenen Bedeutungen dieser Farbe eingehen und dadurch versuchen, sie mit einem säkularen Hintergrund zu verbinden.

Ist die Islamische Republik überhaupt reformierbar?
In der Verfassung existiert ein großes Hindernis, und das ist die Stellung des religiösen Führers, der über der Gesellschaft steht. So lange diese Stellung so ausgeübt wird, ist das System nicht ­reformierbar. Dies ist eine Säule der Islamischen Republik, und wie sich jetzt zeigt, die bedeutendste. Die Reformer um Mussawi und Karroubi bestehen auf der republikanischen Säule dieses Systems, die Machthaber auf der theokratischen, religiösen Säule. Wenn dieser Konflikt nicht zugunsten der republikanischen Seite aufgelöst wird, ist eine wirkliche Reform nicht durchführbar. Die Tatsache, dass Veränderungen nur mit Zustimmung des religiösen Führers möglich sind, macht es unmöglich, das System zu reformieren.

Es braucht also eine Revolution?
Auf jeden Fall muss die andere Seite einen Schritt zurückgehen. Ich hoffe, das funktioniert, ohne dass es zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung kommt. In der Zeit der Revolution hatte die Gesellschaft sehr radikale Züge, was große Opfer forderte. In diesen Radikalismus möchte man nicht mehr zurückfallen, und daher hoffen viele auf Risse innerhalb des Machtsystems.
Welchen Einfluss hat das politische Geschehen auf Ihre Kunst, welche Rolle spielt die Kunst wiederum für Sie persönlich im Umgang mit den schrecklichen Seiten ihrer Geschichte?
Kunst ist eine Möglichkeit, einen Raum der Reflexion zu öffnen, einen Raum, der mit der Realität zu tun hat, aber nicht 1:1 der Realität verpflichtet ist. Sie kann sich mit Themen, wie beispielsweise der Folter, auseinandersetzen, ohne deswegen gleich mit einer konkreten Zeit oder Situation verbunden zu sein.

Sie beschäftigen sich intensiv mit der Rolle der Frau, speziell im Iran, aber auch generell in der islamischen Welt. Ist dieses Thema in Deutschland und der westlichen Welt besonders populär?
Auf jeden Fall. Die verschleierte Frau ist ein Synonym für das Fremde, eine Projektionsfläche für alles, das dem westlichen Blick fremd ist. Aber die Präsenz von Frauen spielt jetzt auch in der iranischen Gesellschaft eine große Rolle. Deswegen waren vielleicht auch die Bilder, die während des Aufstands in der Presse gezeigt wurden, so mitreißend. Es waren sehr oft Bilder von Frauen, die ein komplett anderes Gesicht gezeigt haben als das Gesicht, das man meist mit Iran in Verbindung gebracht hat.
Es geht immer um Klischees, die einem das Gefühl geben: „Ich kenne das.“ Und dann ruht man sich auf diesem Klischee aus. In meiner Arbeit werden diese Klischees vielleicht auf den ersten Blick bedient, aber auf den zweiten Blick werden sie gebrochen. Das kann die Kunst im Vergleich zur Politik sehr gut: Diesen zweiten Blick zu fordern, der immer auch mit Kritik verbunden ist.

Was soll, was kann der Westen, was kann Deutschland tun?
Eine zentrale Forderung dieses Aufstands lautet: Ahmadinedschad ist nicht unser Präsident. Zumindest die westliche Öffentlichkeit soll diese Forderung weiterhin unterstützen. Die Solidarität mit den Menschen ist sehr wichtig.

Und was sollte der Westen im Hinblick auf den Iran lassen?
Sie sollten aufhören, immer mit Klischees zu arbeiten, das ist manchmal beleidigend. Viele Iraner haben inzwischen eine Allergie entwickelt gegen diese klischeehaften Bilder. Man sollte genauer hinsehen, auf Augenhöhe, und dann auch kleine Unterschiede, die unterschiedlichen Strömungen in der Gesellschaft wahrnehmen und nicht alles in Parolen pressen.

Interview: Martin Reiner
Link zum Artikel im Amnesty Journal

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