Redebeitrag – ai Deutschland, ROG und PEN – zentrale Kundgebung am Potsdamer Platz am 25.09.2009

Die Ereignisse der vergangenen Wochen haben den Iran und sein Bild in der Welt verändert. Unerwartet und allen Klischees zum Trotz, zeigte sich die iranische Zivilgesellschaft selbstbewusst, mutig, kreativ und vielfältig.

Ein Land das jahrelang durch die Hasspredigten seine Staatsoberhaupts in der Weltöffentlichkeit einseitig dargestellt und in die Kategorie der „Achse des Bösen“ eingeordnet wurde, ein Land, dessen Jugend sich selbst als unpolitisch und anpassungsfähig bezeichnete, hat mit diesem Aufstand plötzlich ganz andere, schöne Bilder und Parolen geschaffen.

Die ganze Welt wurde Zeuge dieses neuen Bildes, das der Iran von sich zeigte: Eine hoffnungsvolle Erhebung, um ein großes und einfaches Ziel zu erreichen,: Das Recht auf eine selbst bestimmte Zukunft, die den Weg zu Rechtstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechten weiter öffnet.

Es ist dieses zivilgesellschaftliche Potential, das sich in der Erhebung zeigt und uns mit großer Hoffnung und Bewunderung erfüllt und dazu bewegt, unsere Energie für die Fortsetzung dieses eingeschlagenen Weges einzusetzen.

Es ist die Zentrale Forderung dieses Aufstandes die die Iraner trotz allen Differenzen eint und die in der Weltöffentlichkeit solidarisch aufgenommen wurde: Wo ist meine Stimme?
Ein legitimer, menschlicher und universeller Anspruch auf politische Selbstbestimmung.

Aber diese viel versprechende Bewegung wurde durch ein System aus religiöser Bevormundung und militärischer und paramilitärischer Gewalt brutal niedergekämpft.

Wieder wurde die Weltöffentlichkeit Zeuge als die Brutalität jedes erdenkliche Maß überschritt. Iran ist wieder verletzt. Verletzt in Form der Körper vieler Menschen, die geschlagen, verschleppt und auch heimtückisch ermordet wurden.

Verletzt aber auch, an seiner jungen Seele, die auf eine Veränderung gesetzt hatte und nun um seine Hoffnungen betrogen worden ist. Verletzt durch Schauprozesse und Schikanen aller Art, die die Menschen zur Selbstverleugnung zwingen.

Es ist die Verletzung einer Gesellschaft, die viele Narben aus der Geschichte der vergangenen Jahre und Jahrzehnte trägt.
Manchmal erscheint es mir wie ein Dejavu: Die Geschichte der Gegenwart einer Gesellschaft, die die Vergangenheit wieder durchlebt und versucht, aus dem Teufelskreis der ständigen Wiederholung auszubrechen.

Eine authentische Darstellung dieser Geschichte, lieferte uns eine nächtliche Videoaufnahme während der Volkserhebung, die im Internet veröffentlicht wurde – also im virtuellen Raum, der dem Wunsch und Anspruch der Iraner nach freier Kommunikation und einer modernen Gesellschaft entspricht.

Man sieht in diesem Video die dunkle Nacht, durchlöchert von vielen kleinen Lichtern und hört von vereinzelten Dächern irgendwo in der Stadt Teheran, zahlreiche Protestrufe.

Es herrscht eine ermutigende und zugleich auch traurige Stimmung. Aus dem Hintergrund hört man eine anklagende, zitternde Stimme einer Frau – repräsentativ für die bestimmende Präsenz der Frauen bei der Protestbewegung. Sie stellt Fragen in die Nacht hinein:

– Wo ist das hier, wo wir unschuldig in der Falle sitzen?
– Wo uns keiner hilft?
– Wo wir nur durch unser Schweigen, der Welt gegenüber unseren Ruf nach Freiheit hörbar machen können?
– Diese Falle ist Meine Heimat Iran!“

Ihre Worte sind nicht nur Klage sondern auch Anklage – auch die meinige Anklage – und zutiefst iranisch!

Eine Anklage gegen die Diktatur, die wie eine Falle ist, in der unsere Schicksale gefangen sind und in der unsere geliebten Menschen als Strafe für ihre Aufrichtigkeit und Zivilcourage, Opfer von politischen Verbrechen eines Unrechtsregimes wurden.

Jedes dieser Opfer ist eine Verletzung – eine Narbe auf dem Körper Irans!
Jedes dieser Opfer ist für sich eine Anklage gegen das Unrechtsregime!

Es ist sowohl unsere individuelle als auch gemeinschaftliche Pflicht, auf diese Anklagen zu beharren und sie nicht fallen zu lassen.

Es ist unsere Verantwortung das Unrecht zu benennen und abzuweisen, damit der Glaube an die Verwirklichung der politischen Selbstbestimmung nicht wieder verblasst.

Die Proteste müssen weitergehen, damit das permanente Unrecht nicht wieder zur Normalität wird, damit die Verbrechen nicht wieder zu geschlossenen Akten erklärt werden, damit der Volksaufstand nicht wieder wie so oft in unserer Geschichte, in der Falle der Gewalt erstickt wird.

Das erstaunliche Interesse der demokratischen Weltöffentlichkeit an den Vorgängen in Iran zeigt, dass dieses Mal nicht nur ein politisches Interesse an Informationen besteht, sondern dass die Parolen und Forderungen, die auf den Straßen der iranischen Städte gerufen werden, auch die Menschen weltweit ansprechen und dadurch ihren universellen Charakter zeigen.

Die Unterstützung dieser weltweit gültigen Forderungen ist nicht nur eine Hilfe für ein bedrängtes Volk, sondern ist ein gemeinsamer Kampf für die Verteidigung gemeinsamer Werte und Rechte, die universell sind.

Daher ist es wichtig, dass auch die Unterstützung sich so breit entwickelt wie das Interesse der Menschen und nicht im Rahmen von Maßnahmen einzelner politischer Funktionsträger beschränkt wird. Die Iranerinnen und Iraner brauchen diese Unterstützung!

Nur dann kann der Teufelskreis von Diktatur, Bevormundung, Lüge, Korruption und Gewalt aufgebrochen werden und nur dann bekommt die Zukunft im Iran eine Chance!

In diesem Sinne bitte ich Sie um Ihre Unterstützung!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s