„Ahmadinedschad ist nicht unser Präsident“ Amnesty Journal Oktober 2009

Die iranische Künstlerin Parastou ­Forouhar hat in ihrer Jugend den Sturz des Schahs mit­erlebt. Viele Aspekte der gegenwärtigen Protestbewegung erinnern sie an diese Zeit. Doch in ihre Hoffnung auf Veränderung mischen sich auch Sorgen.

Parastou Forouhar ist eine der bekanntesten iranischen Künstlerinnen: 1962 im Iran geboren, studierte sie zunächst Kunst in Teheran. Seit 1991 lebt sie in Frankfurt am Main. Sie hat an zahlreichen internationalen Ausstellungen teilgenommen, ihre Themen sind immer wieder die Situation der Frauen und die Menschenrechte in ihrer Heimat. Am 21. November 1998 fielen ihre Eltern, Dariush und Parwaneh Forouhar, beide oppositionelle Politiker, in ihrem Haus in Teheran einem vom iranischen Geheimdienst initiierten Auftragsmord zum Opfer.

Wann besuchten Sie das letzte Mal den Iran?
Zuletzt im November und Dezember 2008, zum zehnten Jahrestag der Ermordung meiner Eltern. An diesem Datum bin ich immer dort.

Was hat sich in den vergangenen zehn Jahren verändert?
Nach dem Mord an meinen Eltern und den Anschlägen auf Intellektuelle war die Empörung groß. Aber die Proteste erreichten damals bei weitem nicht das Ausmaß von heute. Vor allem die Spaltung in unterschiedliche Lager ist sehr stark – in diejenigen, die ihr Recht auf Selbstbestimmung einfordern und die anderen, die dieses Recht nicht anerkennen wollen. So extrem wie heute gab es diese Spaltung vor zehn Jahren nicht, und selbst vor ein paar Monaten, vor den Wahlen, war es noch nicht so.

Bei den Massenprotesten wurden Slogans benutzt wie „Tod dem Diktator“ aus der Zeit, als der Schah gestürzt wurde. Hat Sie das überrascht?
Der gesamte Aufstand hat mich immer wieder positiv überrascht. Und nicht nur ich, sondern die ganze Welt war überrascht von so viel Mut, Energie, Elan und Charme einer Gesellschaft, die plötzlich sichtbar wurde.
Überrascht hat mich auch der Umstand, dass die Revolution weiterhin identitätsstiftend ist. Dabei hat diese Revolution, oder vielmehr das Regime, das sie hervorgebracht hat, so viele Wunden hinterlassen. Ich dachte immer, dass die Menschen damit nichts mehr zu tun haben wollen. Doch jetzt sind die Parolen der Revolution identitätsstiftend, auch für eine Generation, die diese Zeit selbst nicht mehr erlebt hat, und das finde ich sehr gut. Denn eine Gesellschaft, die jahrzehntelang unter einer Diktatur lebt, kann Erinnerung nicht bewahren und die Kontinuität der Geschichte nicht greifbar machen, weil die Diktatur dies nicht zulässt. Aber jetzt sehen wir, dass man auf den Elementen der Revolution beharrt, die noch Kräfte freisetzen können. Man versucht, sie positiv einzusetzen, und das finde ich großartig.

Welche Bedeutung hat die Farbe Grün im Iran?
Grün ist nicht nur die Farbe des Islam. Grün hat zahlreiche Bedeutungen, sie ist auch die Farbe der Hoffnung, die Farbe des Frühlings oder die Farbe des Wachstums. Es gibt inzwischen viele Gedichte, nicht nur aus dem Iran, sondern auch aus dem Ausland, die auf die verschiedenen Bedeutungen dieser Farbe eingehen und dadurch versuchen, sie mit einem säkularen Hintergrund zu verbinden.

Ist die Islamische Republik überhaupt reformierbar?
In der Verfassung existiert ein großes Hindernis, und das ist die Stellung des religiösen Führers, der über der Gesellschaft steht. So lange diese Stellung so ausgeübt wird, ist das System nicht ­reformierbar. Dies ist eine Säule der Islamischen Republik, und wie sich jetzt zeigt, die bedeutendste. Die Reformer um Mussawi und Karroubi bestehen auf der republikanischen Säule dieses Systems, die Machthaber auf der theokratischen, religiösen Säule. Wenn dieser Konflikt nicht zugunsten der republikanischen Seite aufgelöst wird, ist eine wirkliche Reform nicht durchführbar. Die Tatsache, dass Veränderungen nur mit Zustimmung des religiösen Führers möglich sind, macht es unmöglich, das System zu reformieren.

Es braucht also eine Revolution?
Auf jeden Fall muss die andere Seite einen Schritt zurückgehen. Ich hoffe, das funktioniert, ohne dass es zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung kommt. In der Zeit der Revolution hatte die Gesellschaft sehr radikale Züge, was große Opfer forderte. In diesen Radikalismus möchte man nicht mehr zurückfallen, und daher hoffen viele auf Risse innerhalb des Machtsystems.
Welchen Einfluss hat das politische Geschehen auf Ihre Kunst, welche Rolle spielt die Kunst wiederum für Sie persönlich im Umgang mit den schrecklichen Seiten ihrer Geschichte?
Kunst ist eine Möglichkeit, einen Raum der Reflexion zu öffnen, einen Raum, der mit der Realität zu tun hat, aber nicht 1:1 der Realität verpflichtet ist. Sie kann sich mit Themen, wie beispielsweise der Folter, auseinandersetzen, ohne deswegen gleich mit einer konkreten Zeit oder Situation verbunden zu sein.

Sie beschäftigen sich intensiv mit der Rolle der Frau, speziell im Iran, aber auch generell in der islamischen Welt. Ist dieses Thema in Deutschland und der westlichen Welt besonders populär?
Auf jeden Fall. Die verschleierte Frau ist ein Synonym für das Fremde, eine Projektionsfläche für alles, das dem westlichen Blick fremd ist. Aber die Präsenz von Frauen spielt jetzt auch in der iranischen Gesellschaft eine große Rolle. Deswegen waren vielleicht auch die Bilder, die während des Aufstands in der Presse gezeigt wurden, so mitreißend. Es waren sehr oft Bilder von Frauen, die ein komplett anderes Gesicht gezeigt haben als das Gesicht, das man meist mit Iran in Verbindung gebracht hat.
Es geht immer um Klischees, die einem das Gefühl geben: „Ich kenne das.“ Und dann ruht man sich auf diesem Klischee aus. In meiner Arbeit werden diese Klischees vielleicht auf den ersten Blick bedient, aber auf den zweiten Blick werden sie gebrochen. Das kann die Kunst im Vergleich zur Politik sehr gut: Diesen zweiten Blick zu fordern, der immer auch mit Kritik verbunden ist.

Was soll, was kann der Westen, was kann Deutschland tun?
Eine zentrale Forderung dieses Aufstands lautet: Ahmadinedschad ist nicht unser Präsident. Zumindest die westliche Öffentlichkeit soll diese Forderung weiterhin unterstützen. Die Solidarität mit den Menschen ist sehr wichtig.

Und was sollte der Westen im Hinblick auf den Iran lassen?
Sie sollten aufhören, immer mit Klischees zu arbeiten, das ist manchmal beleidigend. Viele Iraner haben inzwischen eine Allergie entwickelt gegen diese klischeehaften Bilder. Man sollte genauer hinsehen, auf Augenhöhe, und dann auch kleine Unterschiede, die unterschiedlichen Strömungen in der Gesellschaft wahrnehmen und nicht alles in Parolen pressen.

Interview: Martin Reiner
Link zum Artikel im Amnesty Journal

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Un plan simple 3/3 , 30.09-12.12.2009

Un plan simple 3/3 (Écran)
du 30 septembre au 12 décembre 2009
Maison populaire– 9 bis rue Dombasle – 93100 Montreuil
Tél. 01 42 87 08 68 – Fax 01 42 87 64 66

vernissage mardi 29 septembre à partir de 18 h

Gaëlle Boucand, Peggy Buth, Barbara Bloom, Parastou Forouhar, Andrea Fraser, Andrew Grassie, Norma Jeane, Laura Lamiel, Riccardo Previdi, Kiki Smith, Julien Tiberi
Une proposition du collectif de commissaires d’exposition Le Bureau

http://www.maisonpop.net/spip.php?article974

Facts & Illusions

Henry Moore Gallery
Royal College of Art, London
Thursday 15th – Saturday 17th October 2009
Opening times 10am – 8pm

Magic of Persia is presenting a pioneering and unique exhibition of video work by 14 Iranian artists, in the RCA’s Henry Moore Gallery. Curated by Dr Sami Azar, former director of the Tehran Museum of Contemporary Art, the show is the first time that contemporary Iranian video artists have been shown on such a scale in London. Established names such as Farideh Lashai and Avish Khebrehzadeh, will be displayed alongside younger video artists, providing a great opportunity to view the diversity of current Iranian video art.

Mania Akbari
Parastou Forouhar
Shahab Fotouhi
Rodin Hamidi
Behnam Kamrani
Simin Keramati
Avish Khebrehzadeh
Khosro Khosravi
Farideh Lashai
Mandana Moghadam
Malekeh Nayiny
Neda Razavipour
Hamed Sahihi
Rozita Sharafjahan

The exhibition will be launched with a champagne breakfast, as part of the Frieze VIP programme, at the RCA 10am – 12pm on Thursday 15th October 2009. The exhibition will come to an end on Saturday 17th October 2009 from 6pm – 9pm with a private cocktail reception at the RCA.

Notes to Editors:

Dr. Alireza Sami Azar
Art historian and architect Alireza Sami Azar was director of the Tehran Museum of Contemporary Arts from 1999 to 2005, and teaches at the Mahe-Mehr Institute for Culture and Art. British-educated, he holds a PhD in architecture and was Professor of the faculty of Fine Arts at Tehran University. During his time at the Museum of Contemporary Arts, Sami Azar curated numerous exhibitions and was responsible for the promotion of many Iranian artists onto the international art scene.

http://www.magicofpersia.com/events/FactsAndIllusions.php

Vernissage The Promise of Loss: 9 Oktober 2009 – 17 Uhr


Curated by Shaheen Merali
Samira Abbassy, Iman Afsarian, Asgar/Gabriel, Masoumeh Bakhtiyari,
Shahram Entekhabi, Parastou Forouhar, Shadi Ghadirian, Babak Golkar,
Peyman Hooshmandzadeh, Abbas Kowsari, Mandana Moghaddam,
Amin Nourani, Leila Pazooki, Sara Rahbar, Neda Razavipour,
Behrang Samadzadegan, Rozita Sharafjahan, Jinoos Taghizadeh

Brot Kunsthalle
1100 Vienna, Austria
Absberggasse 27
T: +43-1-512 53 15
F: +43-1-512 53 32
http://www.brotkunsthalle.com/index.html

Redebeitrag – ai Deutschland, ROG und PEN – zentrale Kundgebung am Potsdamer Platz am 25.09.2009

Die Ereignisse der vergangenen Wochen haben den Iran und sein Bild in der Welt verändert. Unerwartet und allen Klischees zum Trotz, zeigte sich die iranische Zivilgesellschaft selbstbewusst, mutig, kreativ und vielfältig.

Ein Land das jahrelang durch die Hasspredigten seine Staatsoberhaupts in der Weltöffentlichkeit einseitig dargestellt und in die Kategorie der „Achse des Bösen“ eingeordnet wurde, ein Land, dessen Jugend sich selbst als unpolitisch und anpassungsfähig bezeichnete, hat mit diesem Aufstand plötzlich ganz andere, schöne Bilder und Parolen geschaffen.

Die ganze Welt wurde Zeuge dieses neuen Bildes, das der Iran von sich zeigte: Eine hoffnungsvolle Erhebung, um ein großes und einfaches Ziel zu erreichen,: Das Recht auf eine selbst bestimmte Zukunft, die den Weg zu Rechtstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechten weiter öffnet.

Es ist dieses zivilgesellschaftliche Potential, das sich in der Erhebung zeigt und uns mit großer Hoffnung und Bewunderung erfüllt und dazu bewegt, unsere Energie für die Fortsetzung dieses eingeschlagenen Weges einzusetzen.

Es ist die Zentrale Forderung dieses Aufstandes die die Iraner trotz allen Differenzen eint und die in der Weltöffentlichkeit solidarisch aufgenommen wurde: Wo ist meine Stimme?
Ein legitimer, menschlicher und universeller Anspruch auf politische Selbstbestimmung.

Aber diese viel versprechende Bewegung wurde durch ein System aus religiöser Bevormundung und militärischer und paramilitärischer Gewalt brutal niedergekämpft.

Wieder wurde die Weltöffentlichkeit Zeuge als die Brutalität jedes erdenkliche Maß überschritt. Iran ist wieder verletzt. Verletzt in Form der Körper vieler Menschen, die geschlagen, verschleppt und auch heimtückisch ermordet wurden.

Verletzt aber auch, an seiner jungen Seele, die auf eine Veränderung gesetzt hatte und nun um seine Hoffnungen betrogen worden ist. Verletzt durch Schauprozesse und Schikanen aller Art, die die Menschen zur Selbstverleugnung zwingen.

Es ist die Verletzung einer Gesellschaft, die viele Narben aus der Geschichte der vergangenen Jahre und Jahrzehnte trägt.
Manchmal erscheint es mir wie ein Dejavu: Die Geschichte der Gegenwart einer Gesellschaft, die die Vergangenheit wieder durchlebt und versucht, aus dem Teufelskreis der ständigen Wiederholung auszubrechen.

Eine authentische Darstellung dieser Geschichte, lieferte uns eine nächtliche Videoaufnahme während der Volkserhebung, die im Internet veröffentlicht wurde – also im virtuellen Raum, der dem Wunsch und Anspruch der Iraner nach freier Kommunikation und einer modernen Gesellschaft entspricht.

Man sieht in diesem Video die dunkle Nacht, durchlöchert von vielen kleinen Lichtern und hört von vereinzelten Dächern irgendwo in der Stadt Teheran, zahlreiche Protestrufe.

Es herrscht eine ermutigende und zugleich auch traurige Stimmung. Aus dem Hintergrund hört man eine anklagende, zitternde Stimme einer Frau – repräsentativ für die bestimmende Präsenz der Frauen bei der Protestbewegung. Sie stellt Fragen in die Nacht hinein:

– Wo ist das hier, wo wir unschuldig in der Falle sitzen?
– Wo uns keiner hilft?
– Wo wir nur durch unser Schweigen, der Welt gegenüber unseren Ruf nach Freiheit hörbar machen können?
– Diese Falle ist Meine Heimat Iran!“

Ihre Worte sind nicht nur Klage sondern auch Anklage – auch die meinige Anklage – und zutiefst iranisch!

Eine Anklage gegen die Diktatur, die wie eine Falle ist, in der unsere Schicksale gefangen sind und in der unsere geliebten Menschen als Strafe für ihre Aufrichtigkeit und Zivilcourage, Opfer von politischen Verbrechen eines Unrechtsregimes wurden.

Jedes dieser Opfer ist eine Verletzung – eine Narbe auf dem Körper Irans!
Jedes dieser Opfer ist für sich eine Anklage gegen das Unrechtsregime!

Es ist sowohl unsere individuelle als auch gemeinschaftliche Pflicht, auf diese Anklagen zu beharren und sie nicht fallen zu lassen.

Es ist unsere Verantwortung das Unrecht zu benennen und abzuweisen, damit der Glaube an die Verwirklichung der politischen Selbstbestimmung nicht wieder verblasst.

Die Proteste müssen weitergehen, damit das permanente Unrecht nicht wieder zur Normalität wird, damit die Verbrechen nicht wieder zu geschlossenen Akten erklärt werden, damit der Volksaufstand nicht wieder wie so oft in unserer Geschichte, in der Falle der Gewalt erstickt wird.

Das erstaunliche Interesse der demokratischen Weltöffentlichkeit an den Vorgängen in Iran zeigt, dass dieses Mal nicht nur ein politisches Interesse an Informationen besteht, sondern dass die Parolen und Forderungen, die auf den Straßen der iranischen Städte gerufen werden, auch die Menschen weltweit ansprechen und dadurch ihren universellen Charakter zeigen.

Die Unterstützung dieser weltweit gültigen Forderungen ist nicht nur eine Hilfe für ein bedrängtes Volk, sondern ist ein gemeinsamer Kampf für die Verteidigung gemeinsamer Werte und Rechte, die universell sind.

Daher ist es wichtig, dass auch die Unterstützung sich so breit entwickelt wie das Interesse der Menschen und nicht im Rahmen von Maßnahmen einzelner politischer Funktionsträger beschränkt wird. Die Iranerinnen und Iraner brauchen diese Unterstützung!

Nur dann kann der Teufelskreis von Diktatur, Bevormundung, Lüge, Korruption und Gewalt aufgebrochen werden und nur dann bekommt die Zukunft im Iran eine Chance!

In diesem Sinne bitte ich Sie um Ihre Unterstützung!

Auf der Suche nach der verlorenen Gegenwart – DEJA VU

Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe: unter Bäume, Sommer 2009 in Wädenswill, Schweiz

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In der altorientalischen Märchensammlung 1001 Nacht heißt es irgendwo:
„Wer hat je Sonne und Mond gemeinsam stehen sehen, dort wo Paradies und Welt an einem Ort zusammen liegen?“

Diese transzendente Raumvorstellung, die die Unzulänglichkeit der Realität zu überwinden versucht, führt uns zu dem Begriff des Paradiesgartens.

Der Garten und das Paradies, zwei Begriffe, die unmittelbar miteinander verknüpft sind. Die Wortbedeutung scheint fast synonym; der Paradiesgarten oder das Gartenparadies?

Eine Trennung der Begriffe nach himmlischer oder irdischer Auslegung ist in vielen Fällen unmöglich und würde dessen kreatives und geistiges Potential aussparen.

Woher kommt die Kombination der Vorstellung vom himmlischen Paradies als Garten und vom irdischen Garten als Paradies? Die etymologische Erklärung des Wortes Paradies ergibt einen ersten Hinweis auf den Garten und führt in das antike Persien. Der altpersische Begriff „Pari-daeza“ bezeichnete einen ummauerten Garten, den persische Adelige anlegen ließen.

Bestimmende Elemente in diesen Gärten waren Schatten spendende Bäume, fließendes Wasser, eine Einfassung des Gartens und seine geometrische Gliederung. Vier üblicherweise angelegte Wasserläufe repräsentierten die Flüsse des Lebens, gleichzeitig spiegelte sich der Himmel in ihnen.
Ein prominentes Beispiel dafür war der Garten des Kurosh oder Kyros, des Gründers der Achämeniden Dynastie vor etwa 2600 Jahren.

Im antiken Orient, in einer Zeit, in der die Mythen der Lebenswelt noch nicht entzaubert waren und all das, was den Menschen an Positivem und Negativem begegnete, mit dem Handeln von Göttern in Verbindung gebracht wurde, war die Vorstellung vom Paradies eine fester Bestandteil des Welterklärungsmodells.

In mesopotamischen Texten wird die Schöpfung oft als Kampf beschrieben, da die Mächte der Natur erst zurückgedrängt werden mussten, um Leben zu ermöglichen. Im Weltbild jener Zeit war es der König, der mit seinem Ordnung schaffenden Handeln den Bestand der Welt erweiterte und das Leben sicherte. Der königliche Garten wurde zum Sinnbild einer solchen Bestrebung. Eine Gegenwelt, die für den Zustand stand, der in dieser Welt gerade nicht erfahrbar war: ein Leben ohne Gefahr und in der Nähe der Gottheit. Der Garten stand für eine friedliche Ordnung, die den als chaotisch erlebten Naturgewalten abgetrotzt war und in der sich der vom diesseitigen Alltag gepeinigte Mensch erholte, sich jedoch gleichzeitig mithilfe selbst gestalteter Maße und Formen kontemplativ der jenseitigen imaginären Welt nähert. Hier erlebt er bereits ein Stück transzendierter Realität, eine Stufe, von der er aus, nach und nach, weitere Ebenen der Realität, hin ins Bildlich-Paradiesische besteigt, dabei die ausschließlich als Realität erlebte körperliche Welt verlassend. So fungiert der Garten auch als Transitraum, in dem der Mensch den Widerspruch zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen der realen Welt und der Vorstellungswelt des Paradieses nicht mehr als antagonistisch und unauflöslich erlebt, sondern kreativ überwindet.

Ein – wenngleich auch fatales – Beispiel dafür waren die Paradiesgärten der später so genannten Sekte der „Assassinen“ im 11. Jhd., versteckt im unzugänglichen Gebirgsmassiv „Takhte Soleiman“ in der Nähe der iranischen Stadt Ghazwin. Hier wurden Heranwachsende in „paradiesischer“ Umgebung aufgezogen, um sie später, mit dem Versprechen, in das wahre, herrlichere Paradies zu kommen, zu Attentatsaktionen zu verschicken.

Die Vorstellung vom himmlischen Garten als Folge der Grundsehnsucht nach einer als defizitär erlebten Alltagsrealität war daher stets rudimentär. Sie fand ihre reale Gestalt im Garten als alternativen Raum. Hier schien das Versprechen auf ein heilvolles und harmonisches Dasein zum Greifen nah.

Diese, sich durch die Jahrhunderte haltende transzendente Vorstellung vom Garten als Paradies, wurde in den jeweiligen Gesellschaften und passend zu den spezifischen kulturellen Gegebenheiten, unterschiedlich ausgelegt und ausgeformt – bis hin zu den säkularen Gegenwelten des 21. Jahrhunderts.

Heute, auf der Suche nach dem Paradiesgarten, entdeckt man in „Google“, unter anderem, Angebote zu Erlebnisparks, Kureinrichtungen und Wellness – Hotels. Die Werbung für diese Art Gegenwelten beinhaltet noch poetische oft klischeehafte Beschreibungen der umgebenden Gartenanlagen. Der Garten bleibt ein fester Bestandteil des Versprechens auf einen heilvollen Lebensraum, auch wenn es in eine kitschige Kulisse verpackt wird.

Auch für mich wurde das Projekt „unter Bäumen“, unter dem Aspekt des heilvollen Lebensraums interessant. Die Dynamik dieser Vorstellung ruft jedoch zwiespältige Gefühle und Gedanken in mir hervor. Um Ihnen diese ambivalente Beziehung darzulegen und meine Gedanken zu einem eigenen künstlerischen Beitrag mit ihnen zu teilen, möchte ich Sie in den reizvollen Garten der Kunstgeschichte mitnehmen, wo diese Suche nach dem heilvollen Lebensraum in unterschiedlicher Form sichtbar wird.

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Die persische Miniaturmalerei, die sich in die gesamte, damals weltweit führende islamische Kultur, ausbreitete, veranschaulicht die bereits angesprochene Suche nach dem heilvollen Lebensraum. In ihr ist auch stets der Anspruch erkennbar, bei dieser Suche fündig geworden zu sein.

Schauen wir auf eine beliebige altpersische Miniatur: Im kleinsten Format bedeutet sie dem Betrachter, sie sei ein kleiner Spiegel der von Gott geschaffenen Welt. Sehr oft ist der Schauplatz ein Garten. Unser Blick wird von den geschwungenen Zedern und blattreichen Ästen zu weichen Wolken, Kuppeln und Hügeln, zu den kurvigen Linien der dargestellten menschlicher Körper geleitet. Alle Flächen sind mit detailreichen Mustern abgedichtet – Muster die abgleitet sind von den Formen der Natur. Eine harmonische Weltdarstellung als Zeichen der göttlichen Allmacht und ihrer Schönheit. Diese Welt ist heil und die Kunst gläubig. Das Gebet findet in der Malerei seine Entsprechung.

Mit ihrem Potential an Rhythmus und Poesie zieht die persische Miniatur uns in ihrem Bann, beschert uns schöne Oberflächen, gleichzeitig aber schließt sie eine Öffnung für Abweichungen und Bruchstellen aus.
Diese Kunst ist wie keine andere von Ornamentik und Symmetrie geprägt. Sie ist der Spiegel einer allgegenwärtigen Regelheftigkeit und einer „schönen Ordnung“, die die gesamte Schöpfung durchzieht. Das symmetrische Ornament wird zum Signum der Wahrheit und der umfassenden göttlichen Einheit. Die Unterwerfung unter das Ornament ist der Garant dafür, der menschlichen Hybris zu entgehen.
Was bedeutet aber diese „Ideal Welt“ in unserer Gegenwart, in einer Welt, in der die durchlebten Prozesse unsere Erkenntnis- und Erinnerungswelt verpflichtend prägen und uns von den Miniaturen entfernen.

Ich beschäftige mich in meiner künstlerischen Arbeit mit dieser Frage und mit den damit verbunden Auseinandersetzungen mit dem Ornament.

Das Ornament duldet keine Abweichung. Es verschleiert die Grausamkeit einer totalitären Struktur, die Abweichendes negiert und abtötet. Sie funktioniert als zum Bild gewordene Ideologie- eine disziplinierende (domestizierende) Autorität in der ordnenden Struktur. Die Vereinheitlichung, Gleichschaltung und Zurichtung, der hermetische Ausschluss jeglichen Individuellen Elements, zeigt sich beispielhaft in den ornamentalen Aufmärschen, wie sie alle totalitären Systeme lieben.

Das 20. Jahrhundert bietet eine unerschöpfliche Fülle menschlicher Ornamentik unter dem Diktat der Macht. Sie unterscheidet sich jedoch substantiell von der Rolle, die die Ornamentik im islamischen oder europäischen Mittelalter gespielt hat.

Ist nicht immer auch die Wiederherstellung einer vermeintlichen, schönen Ordnung, deren Störung nur mit härtesten Mitteln begegnet werden kann, nicht auch Anlass für Folter und Mord? Wie immer man die Motivation auch fassen möchte, ob psychologisch, sozial oder ideologisch- die Aufrechterhaltung einer allumfassenden „Ordnung“ gegen „Bedrohungen“, spielt dabei – als Form – immer eine Rolle.

Ein weiteres Beispiel für die Suche nach heilvollen Lebensräumen in der Kunstgeschichte finden wir in der Zeit des Aufbruchs der Romantik.
Hier wird, im Gegensatz zu vorherigen Model, keine umfassende Ordnung für das „Heilvolle“ suggeriert. Hier herrscht das fragmentarische Prinzip, das aus den bestehenden Zusammenhängen die heilvollen Lebensräumen aussondert und sie in den Fokus des Blicks rückt.
Romantik entstand als Reaktion auf das Monopol der vernunftgerichteten Philosophie der Aufklärung und auf die Strenge des durch die Antike inspirierten Klassizismus, als eine Art Rebellion gegen den Zeitgeist.

Die immer stärkere Rationalisierung der europäischen Gesellschaften durch den fortschreitenden Prozess der Industrialisierung, zog eine entzauberte und immer hässlicher werdende Welt nach sich. Auch der Zeitbegriff, war strikt rational definiert und bewegte sich in einer verengten Bahn.
Der Romantiker verortet einen Bruch, der die Welt gespalten habe in die Welt der Vernunft, der „Zahlen und Figuren“ (Novalis), und in die Welt des Gefühls und des Wunderbaren.

Die treibende Kraft der Romantik ist eine in die Unendlichkeit gerichtete Sehnsucht nach der Heilung der Welt. Als Projektionsfläche für diese Sehnsucht boten sich, gewissermaßen als Nebenräume der linear verlaufenden Zeit, alles Ungezähmte, Ursprüngliche, Unberührte und Ungeformte, das sich vor allem in der Natur zeigte – zum Beispiel in nebelverhangenen Waldtälern und mittelalterlichen Klosterruinen. Schönheit und Wahrhaftigkeit wurden nicht in der von Menschen aufgezwungenen Ordnung gesucht, sondern im Naturzustand.
In diesem Sinne beschreibt Schopenhauer den geordneten Garten der Barockzeit als unterjochte Natur, die ihre aufgezwungenen Formen als Abzeichen ihre Sklaverei trägt.

In der romantischen Suche nach heilvollen Lebensräumen spielt die sinnliche Erfahrung eine große Rolle. In der sinnlichen Erfahrung suchte der Romantiker den Zustand aufgehobener Entfremdung.
Die Durchschlagskraft der romantischen Idee vom heilvollen Lebensraum findet jedoch ihre Entsprechung in dem eigenen Metapher des Fragments. Sie bleibt fragmentarisch und die Bandbreite ihrer Wirkung bewegt sich zwischen Rebellion und Weltflucht. Die romantische Rebellion, die heilen Gegenwelten und der ersehnte Paradiesgarten scheitern immer wieder an der Realität.

Ein schönes Beispiel dafür liefert uns die „Ära der Tulpen“ in der osmanischen Zeit.
Im Verlauf des 18.Jh. führten die Zersetzungserscheinungen zur Destabilisierung des osmanischen Reiches. Versuche zur Wiederherstellung der traditionellen Institutionen blieben Erfolglos. In dieser Zeit widmete sich der Sultan der Gartenbaukunst, vor allem der Züchtung von Tulpen, die im Türkischen „Laleh“ (Laleh Devri).

Der Name ist abgeleitet aus dem persischen „Laleh“. Dieses Wort rückwärts gelesen ergibt „Helal“ – Halbmond – das wichtigste Symbol im islamischen Kulturraum, das Helligkeit, Glanz, Erleuchtung, aber auch Macht, versinnbildlicht. Zudem setzt sich das Wort „Laleh“ aus denselben Buchstaben zusammen wie der Name Allahs. Einige
Forscher glauben, dies sei der Grund für das häufige Erscheinen der Tulpe in der osmanischen Kunst. Es ist eine poetische und spielerische Interpretation, die Möglichkeiten der Selbstwürdigung und der emphatischen Deutung der eigenen Kultur Raum lässt, jedoch den Niedergang nicht verhindern kann. Übrigens auch ein zutiefst romantisches Motiv.

Hier zeigt sich auch wieder das ewige Dilemma: Die Gefangenschaft der Menschen innerhalb von Bedürfnissen und Loyalitäten, die sich gegenseitig ausschließen und doch den Raum ihrer Existenz miteinander teilen müssen – das Dilemma zwischen der Wahrnehmung der Realität, die das Harmonische in-der-Welt-sein nicht zulässt und die gleichzeitig auch die Sehnsucht nach dem Harmonischen nicht aufgibt.

Mein Beitrag zum Projekt „Unter Bäumen“ öffnet mir einen Raum, um über dieses Dilemma zu reflektieren. Es wirft Fragen auf, die mich begleiten, wenn ich über das Wandbild nachdenke, das ich malen werde.
Das Bestreben der Malerei ist es, eine Abwesenheit mit dem Schein der Anwesenheit zu füllen. Aber wo liegt die Grenze der Glaubwürdigkeit? Wo liegt die Grenze zwischen Heil und Kitsch, wenn ich versuche eine Vision zu orten? Laufe ich nicht Gefahr naiv oder sogar ignorant zu werden, wenn ich im Kontext der Kunst die heilvollen Lebensräume anpreise, in einer Welt voller Leid und Trauer? Vielleicht geht es hier darum, die Flüchtigkeit des Moments, in dem das hybride Dasein, das der Anwesenheit und Abwesenheit eine gleichzeitige Präsenz einräumt, einzufangen. Vielleicht geht es um die problematische Vermittlung zwischen dem Zeitlosen und Vergänglichen, um die Herstellung einer Koexistenz zwischen Vision und Realität.

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Vielleicht steht aber auch das permanente Scheitern im Zentrum dieser Überlegungen und zwar das Scheitern als eine Momentaufnahme, die Momentaufnahme einer Gegenwart, die von Erinnerungen und Erkenntnissen aus der Vergangenheit belastet ist, aber die Hoffnung auf der Zukunft nicht aufgeben kann. Es geht um diese Hybris der Gegenwart, die von der Last der Vergangenheit erdrückt und vom Freiheitsversprechen der Zukunft ermuntert und in der das Scheitern zur Normalität des Lebens wird: Das Scheitern als Synonym für den Versuch, die Gegensätze zu leben und sie auszuhalten. Sie spiegelt die Zerbrechlichkeit der Schönheit wieder, die wir festhalten möchten, so wie wir am Versprechen des Heils und der Wahrhaftigkeit der heilenden Lebensräume festhalten.

Für mich sind das Heile und das Schöne nicht nur durch sich selbst sondern auch über ihren Verlust definierbar. In dieser Wahrnehmung liegen die Ressourcen und Kräfte zur Sorge um sich selbst und auch um die Welt. Und wo kann man diese Sorge besser zum Ausdruck bringen als auf einer Terrasse auf der Anhöhe eines alten Gartens?

Parastou Forouhar – Juni 2009

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Re-Imagining Asia
Haus der Kulturen der Welt, Berlin bis 18. Mai 2008