Count Down 2

Re-Imagining Asia
Haus der Kulturen der Welt, Berlin bis 18. Mai 2008

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Count Down 1

Re-Imagining Asia in Haus der Kulturen der Welt, Berlin bis 18. Mai 2008

Was geschieht, wenn der Glaube zum Alltag wird? Wenn er nach einer Phase emphatischer Umorientierung, sich aus den Fängen der ideologischen Verkündung löst und wieder in das ihm eigene Muster des Rituals zurückfällt?
Die Erfahrung, insbesondere die visuelle, zeigt, dass der Atem der Alltagskultur länger währt als der des religiösen Dogmas. Das zeigt sich auch im Iran in der Periode der Post-Post-Revolution.

Die symbiotische Beziehung zwischen Glauben und Alltag bekam vor der Islamischen Revolution, in der Zeit forcierter Westbindung – und Orientierung,  Risse und brach an den Rändern der Gesellschaft ab. Der schleichende Verfall, aber bisweilen auch abrupte Wegfall des religiösen Alltagsrituals, brachte Traditionalisten und Puristen hervor: Die einen, verzweifelte Bewahrer mit einem Hang zur Donquichotterie, die anderen, fanatische Erneuerer des religiösen Gründungsmythos. Im Iran des Jahres 1979 haben schließlich Letztere sich durchgesetzt und die Macht erobert.

Die von der geistlichen Führung vorgegebenen, neuen religiös-politischen Parolen wurden jedoch in der Folgezeit von den „Normalgläubigen“ gedreht und gewendet,  den Gesetzen der Opportunität und Lebenstüchtigkeit folgend, bis sie mehr schlecht als recht den Lebensumständen und spirituellen Bedürfnissen der Menschen angepasst waren. Als Nebeneffekt in diesem Prozess der Umsetzung, wurde aber den Ideologen die Initiative in der Steuerung der Glaubenskultur entrissen. Sie wurde tendenziell zur Sache des so genannten Volksglaubens mit seinen zahllosen Mäandern und Verästelungen in der ritualisierten Alltagskultur und den zum Teil grotesken Formen, die zum Vorschein kommen und die einer so wachen Künstlerin wie Parastou Forouhar nicht entgehen konnten.

Von dieser popularisierten Glaubenskultur gehen allerdings auch Signale der Friedfertigkeit und Kompromissbereitschaft aus, die sich vom Furor ideologisierter Religion oder religiöser Ideologie absetzen und die oft eine Aufforderung dazu sind, die extreme Transzendenz des Jenseits aufzugeben und hier im Diesseits (buchstäblich auf den Boden der Tatsachen) das Leben zu leben.

Wenn in der Anfangsphase der revolutionären Erweckungsbewegung die Trauerprozessionen aus Anlass der Ashura-Tage vom heiligen Ernst und bigotten Fanatismus geprägt waren, so schlichen sich in den Folgejahren, insbesondere in den letzten Jahren,  Elemente des Pop in die Zeremonien und Prozessionen ein. Adrett gekleidete junge Männer, die die Märtyrerbanderole um ihre Stirn mehr wie bei  einem Skater- Event tragen als aus Anlass einer symbolischen Selbstaufopferung und die religiöse Moritate mit eindeutigen Anleihen aus melancholischen Chansons tremolieren,  besetzen Bereiche, die zuvor nur für die linientreuen Anhänger des islamistischen Regimes reserviert waren.

Das Regime der Religionspuristen ist sich der Tatsache nicht bewusst, dass es selbst die Ursache dafür ist, wenn die Inbrunst der Gesänge und das wohlige Massenritual der Selbstkasteiung immer wieder und in immer kürzeren Abständen in eine Art musikalische und erotische Sub- und Popkultur weg kippt.

Entsprechend ergeht es den Spruchbändern, Banderolen und heiligen Insignien, die ihren Fetisch-Charakter bald offenbaren. Nichts bleibt heilig und unantastbar, trotz täglicher Mahnung der Oberen. Der intensive Gebrauch und Vollzug der Religion verschleißt die sakralen Insignien, verändert und verwandelt den Klang heiliger Gesänge und die bildliche Vorstellung der entrückten Schrift im himmlischen Buch. Das liegt in der Natur der Sache.

Genau an dieser Stelle setzen die künstlerischen Schöpfungen von Parastou Forouhar an. Die populäre Formgebung der religiösen Alltagskultur ist ein visuelles Neuland, das sie längst in ihren Werken erschlossen hat. Sie ist ein Pionier auf diesem Gebiet.  Abseits der manchmal hysterischen Aufrufe zum Kulturdialog – oder Kampf,  betreibt sie künstlerische Archäologie im  „Steinbruch“ der iranischen Moderne.

Sie arbeitet diese kulturelle Entwicklung als das heraus was sie ist, nämlich als Arrangement in einem erhellenden Doppelsinn des Begriffs: Das künstlerische Arrangement von traditionellen Stoffmustern und Überzügen mit modernen Gebrauchsgegenständen –und Formen, reflektiert das tägliche Arrangement der Menschen mit dem herrschenden Dogma. Oder sie treibt konsequent das Design und die Formen auf die Spitze, die sie in Geschäften und auf Straßen und Plätzen vorfindet. Eine kontrastreiche Verbindung von gänzlich verschiedenen Formen,  Inhalten, Welten – eine künstlerische Präsentation der Vereinigung von verordnetem Geist mit widerstrebender Materie.

In Fortsetzung ihrer Arbeit Trauerfeier ausgestellt unter anderem im Hamburger Bahnhof in Berlin hat sie nun ein Ensemble von  5 Sitzkissen um einen runden Tisch herum geschaffen, mit der Bezeichnung  „Count Down“.

Es handelt sich um ein besonderes Möbeldesign, das in den Siebzigern entstanden ist. Nur ist die Lehne zu einer stämmigen Figur mit einem kopfartigen Ende verlängert. Der Überzug irritiert. Er ist, ausgenommen auf der Sitzfläche, aus dem gleichen Stoff mit religiösen Heilssprüchen, wie sie im Trauermonat „Ashura“ überall hängen. Gleichzeitig drängen sich die Umrisse einer sitzenden kräftigen Frau in Burka auf. Überall Erstaunen, nur gebremst durch Ironie, deren breit gefächerte Koloratur, die die Selbstironie und den Mutterwitz einschließt, Parastou Forouhar sicher beherrscht und einsetzt.

Was oder wer wird hier abgezählt? Das Alte oder das Neue? Oder ist der Vorgang selbst ein permanenter Countdown einer aus den Fugen geratenen Lebensform? Wir können uns aber auch in den Schoß der Burka – Dame,  in den funktionalen Schick der 70-er, setzen und die, insbesondere für die iranischen Künstler und Intellektuellen zur Lebenshaltung gewordene Wartezeit überbrücken.

Kurz vor ihrem Tod mobilisieren manchmal Todkranke noch einmal alle Lebensenergie und suggerieren so den Schein normaler Lebensfunktionen. Bei der Betrachtung von Parastou Forouhars Werk drängt sich eine Analogie auf: Alte Formen richten sich als Reflex ihres Niedergangs noch einmal auf und hinterlassen  Artefakte ihrer hohen Zeit.

Parastou Forouhar ist eine philosophische Künstlerin, die mit visuellem Verstand Denkbilder entstehen lässt, die sie in Stoff und Material umsetzt. Sie überführt dabei jeden, der an Orientalismus und Exotismus denkt, der Oberflächlichkeit und mangelnder Selbstreflexion. Denn, so eine figurative iranische Wendung „Dieses Kamel wird sich auch vor deine Haustür hinlegen!“ Ein Hinweis auf das unbegründete Selbstbewusstsein des westlichen Blicks.

Hamid Ongha, Frankfurt – 2008

Neu-Besetzungen

Benedetto 1Ironisierungen des Okzidentalismus in der Kunst Parastou Forouhars

Die gegenwärtige hegemoniekritische Diskussion wird nicht nur wissenschaftsintern geführt, sondern gerade auch durch künstlerische Arbeiten angeregt. Schnittstellen zwischen den unterschiedlichen Diskursfeldern der postkolonialen und der Gender-Theorien sowie der Kunst liegen unter anderem darin, dass im Sinne strategischer Interventionen und politischer Positionierungen Identitätssetzungen hinterfragt werden. Insbesondere die zeitgenössische Kunst setzt sich im Zuge der Globalisierung und der postkolonialen Debatten mit den Konstruktionen des okzidentalen Selbst auseinander und unterläuft sie.
Am Beispiel Parastou Forouhars soll gezeigt werden, wie heutige Kunst sich Symbole kultureller Identitätssetzung spielerisch aneignet und umcodiert. In dem Vortag wird in erster Linie bisher unveröffentlichtes Bildmaterial einer Performance in der Villa Massimo (Rom) analysiert. Forouhar ‚besetzt‘ bei dieser Aktion mit einem Tschador und anderen islamisch codierten Attributen Rom als arkadischen Kunstort des Abendlandes buchstäblich neu: Durch Techniken der ‚Entstellung‘ und ‚Verfremdung‘ von Kultur treffen ihre Arbeiten einen empfindlichen Punkt in der Konstruktion des abendländischen Eigenen. Der Historismus der sogenannten Deutschrömer, auf den sie sich beziehen, diente schließlich dazu, eine geschichtlich verbürgte, angesehene Identität des Okzidents zu konstruieren.
Ziel des Vortrages ist es, solche künstlerischen Projekte auf ihren spezifischen Beitrag zur Hegemoniekritik hin zu untersuchen und sie damit in den Kontext heutiger postkolonialer und gendertheoretischer Debatten zu stellen.

Alexandra Karentzos

April 2007